Maschinen werden intelligenter: Cognitive Computing (Teil 4 unserer Blogreihe)

Paul Kruse Zukunft der Wissensarbeit 7 Comments

Nachdem wir nun bereits diskutiert haben, wie Computersysteme unser Leben erleichtern können oder unsere Wohnung und ganze Städte „smarter“ werden lassen, stellt sich die Frage, ob und wie diese Systeme selbst smarter werden können? Muss der Mensch dem Computer wirklich noch all das beibringen, was ihn zu unserem Helfer macht oder übernimmt auch das die Maschine in Zukunft selbst?

„Excellent!“ I cried. „Elementary,“ said he.

Ray Kurzweil prophezeit, dass Suchmaschinen innerhalb der nächsten fünf Jahre in der Lage sein werden, natürliche Sprache zu verstehen. Google entwickelt ein System, das in der Lage sein wird, jedes Dokument im Web und jedes Buch inhaltlich zu verstehen. IBMs Supercomputer Watson – vor allem bekannt, seitdem er bei der amerikanischen Spielshow Jeopardy die beiden in diesem Spiel bis dahin erfolgreichsten Menschen besiegen konnte – deutet an, wo die Entwicklung hingeht: Jeopardy ist eine recht komplexe Aufgabe, die unterschiedliche Aspekte menschlicher Sprache, wie z.B. Wortspiele, Witze, Metaphern und sogar Rätsel abdeckt. Obwohl Watson Texte nicht so gut versteht wie Menschen, sondern vielmehr eine Empfehlung auf Basis von Wahrscheinlichkeit abgibt, ist seine Treffergenauigkeit bereits erstaunlich hoch. Dies ist vor allem einem etwas weniger bekannten Detail zu verdanken, nämlich der Tatsache, dass er im Vorfeld des erfolgreichen Jeopardy-Versuchs über 200 Millionen Seiten (u.a. Wikipedia) gelesen hat. Die Qualität wird also über eine Quantität erreicht, die Menschen nie erreichen können. Konkret: Wenn Watson eine Seite liest, kommt er zu dem Schluss, dass eine 56%ige Chance besteht, dass Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten ist. Würden Sie diese Seite lesen und nicht bereits zuvor über das Wissen verfügen, kämen Sie zu dem Schluss, es bestehe eine 98%ige Wahrscheinlichkeit. Sie sind also besser als Watson. Wenn Watson aber mehr Seiten, viel mehr Seiten liest, kommt er zu dem Schluss, dass eine 99,9%ige Wahrscheinlichkeit besteht, dass Barack Obama die Funktion zurzeit innehat. Diese technischen Fähigkeiten kombiniert mit einer funktionierenden Spracherkennung – Apples Siri oder die neuste Generation von Navigationsgeräten in Fahrzeugen, seien hier als Beispiele aufgeführt – führen zu veränderten Interaktionsformen mit Informationen.

Wo geht die Reise des Cognitive Computing also hin?

Zu ihrer Zeit waren Maus, Tastatur und das grafische Interface das Maß aller Dinge bei der Ineraktion mit Computern. Unsere Zukunft liegt in Informationstechnologien, die nicht nur natürliche Sprache, sondern auch die Inhalte verstehen. Die Entwicklung hin zu gesprächsartigen Situationen („Wollen Sie die Zielführung starten oder eine Hausnummer eingeben?“) zur genaueren Spezifizierung eines Sachverhalts eingeschlossen.

IBM hat inzwischen begonnen, Watson und all das, was in ihm steckt, für den alltäglichen Gebrauch vorzubereiten. Seine Maschinenlern-Algorithmen, sein Verständnis natürlicher Sprache und seine Fähigkeit, selbständig Hypothesen auf Basis von Beweisen und Selbstlernen zu bilden, sollen nun auch dem normalen Anwender zugute kommen. Es ist also nur folgerichtig, dass man bei IBM alles daran setzt, die Erkenntnisse, die Watson aus massiven, strukturierten und unstrukturierten Datenbeständen und der Interaktion mit Menschen gewinnen kann, auf ihre Gebrauchstauglichkeit zu überprüfen.

Ein erster Schritt in diese Richtung ging mit der Ankündigung einher, dass Watson in die Cloud geht (Ankündigung bereits Ende 2013). Watson soll so über Open Application Programming Interfaces (APIs) Entwicklern neuer Anwendungen zugänglich gemacht werden. Zur Ausschöpfung der Potenziale, die Watson mit sich bringt, unterstützt IBM dabei erste Entwicklungen in ganz unterschiedlichen Bereichen:

  • Mit Welltok unterstützt IBM eine Idee, die Watsons Lernalgorithmen nutzen soll, um über gezielte Nutzerbefragungen persönliche Gesundheitsprogramme auszuarbeiten. Ob zum Abnehmen oder zur Erreichung anderer gesundheitsrelevanter Ziele in Sachen Ernährung, Workout oder Stressreduktion – mit Welltoks CaféWell sollen Nutzer nicht nur ihre eigenen Programme mit Watsons Hilfe gestalten können, sondern auch das Tracking des Fortschrittes und damit die Weiterentwicklung der Maßnahmen optimieren können.
  • Ein weiterer Anwendungsfall beschäftigt sich mit dem sog. Utilization Management und damit der (oftmals zeitkritischen) Fallbetrachtung unterschiedlicher Behandlungsmöglichkeiten entsprechend ihrer Notwendigkeit und Wirksamkeit unter Berücksichtigung medizinischer Richtlinien und ihrer jeweiligen Abdeckung durch die Versicherung des Patienten. Die Firma Wellpoint liefert Watson dazu 18.000 historische Fälle aus denen auch hier Hypothesen und konfidenzbasierte Empfehlungen gewonnen werden sollen. Diese sollen die Grundage für eine schnellere Bewilligung einer Behandlung bilden, eine Steigerung der Effizienz im Bewilligungsprozess und schlussendlich auch fundiertere Entscheidungen auf Basis von medizinischer Diagnosen und klinischer Behandlungspfade herbeiführen.
  • Neben Einsatzfeldern in der Medizin fördert IBM auch andere Bereiche, wie z.B. das Online Shopping: Mit Fluid investierte IBM u.a. in ein Digital Commerce-Unternehmen, das auf personalisierte Shopping-Anwendungen spezialisiert ist. Fluids Expert Shopper soll eine natürliche Konversation beim Online-Shopping ermöglichen. Die Software ersetzt quasi den erfahrenen Verkäufer im Geschäft, der uns sonst bei der Auswahl des richtigen Paars Schuhe behilflich ist. Geht es nach Fluid, sieht die Zukunft so aus, dass ich meiner Shopping-App lediglich sage, dass ich im Juni plane, 6 Tage in den Alpen wandern zu gehen. Watson im Hintergrund ermittelt dann, welche Rahmenbedingungen beim Einkauf zu berücksichtigen sind – Wetter, Terrain, Streckenverlauf usw. – und liefert mir eine fundierte(re) Kaufempfehlung. Erste Feldversuche sind u.a. mit dem Outdoor-Hersteller The North Face geplant.

Diese drei Beispiele zeigen bereits recht deutlich, dass mit Cognitive Computing mehr als nur die nächste Jeopardy-Runde gewonnen werden kann. Man kann sich für eine gar nicht allzu weit entfernte Zukunft vorstellen, dass Cognitive Computing-Technologien in vielen weiteren Bereich Einzug in unser tägliches Leben nehmen können. Über die natürlich-sprachliche Interaktion mit Watson (oder einem seiner Nachfolger) erhalten wir einfache Antworten auf spezifische Fragen oder gar ein tiefes Verständnis von Dingen, die man sich heute noch kaum vorzustellen vermag. IBM ist auf dem besten Weg, mit seinen Partnern neue Anwendungen auf den Markt zu bringen, die aus Erfahrungen lernen können, sich mit jeder Interaktion und mit jedem Ergebnis verbessern und am Ende in der Lage sind, die komplexesten Fragen des Lebens für uns zu beantworten. Keine allzu schlechten Aussichten finde ich.

Und wo bleibt der Mensch?

Eine Frage bleibt jedoch: Wer steuert am Ende diese Technologien? Braucht Cognitive Computing überhaupt noch den Menschen? Oder fasst sich die Zukunft folgendermaßen zusammen: Nur weil ein Watson weiß, wie Röntgenstrahlen funktionieren, ersetzt er noch lange nicht den Arzt.

Wie ist Ihre Meinung zu dieser äußerst spannenden Entwicklung? Diskutieren Sie mit uns über diese Seite der Zukunft der Wissensarbeit.

(Eingereicht bei der Blog-Parade zur KnowTech 2014)

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