Die Bibliothek der Zukunft – Eine Wiederaufstehungsgeschichte

Dirk Dobiéy Allgemein, Konferenzen, Wissensmanagement 1 Comment

Was Wissensorganisationen von öffentlichen Bibliotheken lernen können…

Bei einer Fahrt durch Mannheim vor einigen Wochen sah ich ein Plakat mit der Aufschrift „Bibliothek der Zukunft“, einer Veranstaltungsreihe der Stadtbibliothek Mannheim. Das hörte sich spannend an. Zumal wir bei SAP in den vergangenen Monaten verschiedentlich Diskussionen zum Thema Firmenbibliothek geführt haben und gemeinsam mit Vertretern der Mitbestimmungsgremien bereits im vergangenen Jahr das Lernzentrum von BASF besucht hatten, in dem auch eine Firmenbibliothek untergebracht ist. Grundsätzlich ist es ja so, dass die meisten Organisationen die Bibliotheken bereits vor vielen Jahren eingestellt haben. Auch bei SAP gibt es solche Einrichtungen zwar in Bangalore und Palo Alto aber nicht in Deutschland. Die Frage, die sich mir stellt: Sollten große Organisationen das überdenken?

So kam ich also zum anregenden Vortrag von Hans van Velzen, dem Leiter der Stadtbibliothek Amsterdam mit seinem Best-Practice-Beitrag: Die Openbare Bibliotheek Amsterdam. Beindruckende Zahlen wurden präsentiert. Bei einer Investitionssumme von 75 Millionen Euro ist direkt im Zentrum der niederländischen Hauptstadt ein architektonisches Wahrzeichen mit 25.000 qm Nutzungsfläche entstanden. Zwölf Stockwerke, zwölf Stunden geöffnet – und zwar täglich. Ein Theaterraum für 250 Gäste, mehrere Restaurants, Hunderte von Computerarbeitsplätzen und vieles mehr – auch 2.000 Fahrradparkplätze. Der Erfolg spricht für sich: 5000 Besucher täglich, am Wochenende sogar bis zu 7000, was einem Verfünffachen der Besucherzahlen im Vergleich zu alten Bibliothek entspricht. Verdopplung der Verweildauer. Rückgewinnung des Erwachsenenpublikums. Magnet für Touristen und Einheimische gleichermaßen. Was mich beim Vortrag von Hans van Velzen jedoch besonders inspiriert hat, ist die Tatsache, dass die Bibliothek zunehmend als ein Treffpunkt für die Bevölkerung fungiert. Der Raum für Bücher schwindet (auch aufgrund der Digitalisierung) zunehmend und der Austausch von Wissen zwischen den Menschen gewinnt in Bibliotheken an Bedeutung. So ist auch zu verstehen, dass van Velzen meine Frage, ob die Bibliothek die Kollaboration unter den Besuchern fördert, mit einem klaren „Ja“ beantwortete. Auch erklärte er, dass mehr und mehr selbstständige Wissensarbeiter in die Bibliothek zum Arbeiten kommen. In diesen Zusammenhang passte auch die Frage eines älteren Besuchers, der wissen wollte, warum Menschen, die daheim über ein Notebook und ein Internetanschluss verfügen, in die Bibliothek kommen. „Weil sie andere Menschen treffen und das Ambiente schätzen“, war van Velzens Antwort – nicht überraschend.

Doch was alles hat dies mit Wissensmanagement in Organisationen zu tun? Hierzu fällt mir eine Veröffentlichung der Managementberatung McKinsey ein: In „Ten IT-enabled business trends for the decade ahead“ treffen Jacques Bughin, Michael Chui und James Manyika eine Voraussage: „Beyond 2015 – Prediction: Charting experiences where digital meets physical“ und erklären: „The borders of the digital and physical world have been blurring for many years as consumers learned to shop in virtual stores and to meet in virtual spaces. In those cases, the online world mirrors experiences of the physical world. Increasingly, we’re seeing an inversion as real-life activities, from shopping to factory work, become rich with digital information and as the mobile Internet and advances in natural user interfaces give the physical world digital characteristics.“

Diese These lässt sich noch erweitern. Wo digitale Informationen die Regel werden, kommt dem Austausch zwischen Menschen eine noch wichtigere Bedeutung zu. Dieses Phänomen wird verstärkt durch die Tatsache, dass das exponentielle Wachstum von Informationen die Wahrnehmung vieler Menschen prägt, im Informationszeitalter überfordert zu sein. Big Data (die rasante Verarbeitung riesiger Datenmengen) wird diese Wahrnehmung weiter verstärken. Für uns Menschen hat der Tag auch weiterhin nur 24 Stunden. Und so beschreibt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa auch die Beschleunigung als das alles bestimmende Phänomen unserer Zeit. Wo Rosa in der Beschleunigung eine neue Form des Totalitarismus sieht, setzt Hans van Velzen aus Amsterdam einen Kontrapunkt. Die Bibliothek als Treffpunkt und Plattform zum Wissensaustausch. Das Netzwerk hilft, Informationen zu kuratieren (Content Curation), und der persönliche Austausch schafft Vertrauen, welches notwendig ist, um in sozialen Medien den Wissensaustausch kontinuierlich fortzuführen.

Für Kommunen und große Organisationen gleichermaßen bedeutet dies: In ihrer Neuausprägung sind Bibliotheken – wie das großartige Beispiel aus Amsterdam zeigt – eine entscheidende Komponente der Wissensgesellschaft und Wissensorganisation. Wichtig ist jedoch, den Gedanken der Präsenzbibliothek, insbesondere physischer Natur, als lediglich eine Säule zu betrachten und anderen Aspekten Vorrang einzuräumen:

  • Die Bibliothek als Treffpunkt. Wie Amsterdam zeigt: Theater, Restaurants, Stillarbeitsräume, Arbeitsplätze, Gruppentreffpunkte und Arbeitssituationen. Nicht ohne Grund werden laut van Velzen demnächst weitere Bücherregale zu Gunsten von Online-Arbeitsplätzen verschwinden. Für ein derartiges Bibliotheksverständnis kann es in Unternehmen viele Einsatzszenarien geben: Veranstaltungen, Vorträge (z.B. wie TED Talks), Kreativworkshops, Helpdesks für Fragen der Mitarbeiter, Interaktion mit Kunst und Kultur und vieles mehr.
  • Die Bibliothek in ihrer physischen Form ist eine Repräsentanz der Marke, aber der Großteil der Nutzung und des sozialen Austauschs findet digital statt (Eisbergmetapher). Die Bibliothek Amsterdam hat über 100.000 Mitglieder aus Amsterdam aber über 1.000.000 online!
  • Wie in Holland oder auch bereits zum Teil in der Rhein-Neckar Region ist die Vernetzung von Bibliotheken wichtig, um den Nutzen für die Besucher zu steigern. Dies wirft eine interessante Frage für Unternehmen auf: Wie kann hier die Vernetzung aussehen und zwar innerhalb und außerhalb des Unternehmens?
  • Die Architektur und Platzierung des Gebäudes im Kontext der Stadt oder Organisation ist relevant. Sie ist Ausdruck dessen, was Bibliothek heute sein kann. Ein dunkles, abseits gelegenes Gebäude, schlecht erreichbar, wenig inspirierend und in dem kein Ton zu hören ist, entspricht nicht der Vision wie sie von Hans van Velzen diskutiert wurde
  • Gerade im digitalen Zeitalter kann man sich erweiterte Nutzungsszenarien gut vorstellen: Beispielsweise ein „Gedächtnis“ über das Gelesene, die Möglichkeit, Lesezeichen zu setzen und diese weiter zu verwenden, Arbeitsgruppen, die sich online und offline treffen und wichtige soziale oder betriebswirtschaftlich relevante Themen diskutieren, lokal orientiertes Vorschlagswesen, die Möglichkeit personalisierte „Wissenspakete“ herunter zu laden und Tutorials ähnlich wie im Apple Store. Sind diese Ideen zu abstrakt? Ich denke nicht: „Users of the public library in Delft, Netherlands are able to download audiobooks or other media at so-called Tank U download stations that use Bluetooth. And those Tank U stations can be in railway stations, cinemas, hospitals, theaters and wherever else people go“. Nur ein Beispiel – wieder aus den Niederlanden – das unterstreicht, was möglich ist.

Gerade in dieser letzten Aufzählung wird die Vielzahl der Möglichkeiten deutlich. Selbstverständlich muss die konkrete Umsetzung in den Organisationskontext oder die Situation in einer Kommune übertragen werden. Die größte Herausforderung hierbei sind sicherlich immer wieder die immensen Kosten, die einem eher diffusen Nutzen gegenüber stehen, der nicht recht in die betriebswirtschaftlich geprägte Gesellschaft passen will. Der Vortrag aus Amsterdam hat in mir einen sehr interessanten Impuls verstärkt, über den ich weiter nachdenken und diskutieren werde.

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